Mean Reversion: Ein Schlüsselprinzip in der Welt der Aktien

Mean Reversion: Ein Schlüsselprinzip in der Welt der Aktien

In der Welt der Aktien gibt es ein Prinzip, das für alle Investoren von elementarer Bedeutung ist: die Regression zum Mittelwert. Dieses statistische Konzept der Kapitalmarkttheorie kann eine wertvolle Perspektive bieten, um die Dynamik von Aktienkursbewegungen und -/bewertungen besser zu verstehen und somit rationalere Investitionsentscheidungen zu treffen.

Die Regression zum Mittelwert ist ein statistisches Phänomen, das besagt, dass extreme oder außergewöhnliche Ereignisse dazu neigen, mit der Zeit zu einem Durchschnittswert zurückzukehren. In der Finanzwelt bedeutet dies, dass der Preis einer Aktie, der deutlich über oder unter dem historischen Durchschnitt liegt, wahrscheinlich mit der Zeit zum langristigen Durchschnitt zurückkehren wird. Diesen Effekt, dass Aktienpreise nach einer irrationalen Über-/ oder Untertreibung wieder zum langfristigen Mittelwert zurückkehren bezeichnet man als Mean Reversion (Rückkehr zum Mittelwert).

  1. Überperformance und Unterperformance: Aktien, die über einen gewissen Zeitraum außergewöhnlich gut oder schlecht abschneiden, neigen dazu, sich im Laufe der Zeit wieder normalisierten Renditen anzunähern. Zum Beispiel könnte eine Aktie, die mehrere Jahre in Folge den Markt übertroffen hat, auf längere Sicht zu einer durchschnittlichen Performance zurückkehren.
  2. Marktzyklen: Märkte durchlaufen Zyklen von Aufschwung und Abschwung. Perioden starker Marktleistung (wie in einer Bullenmarktphase) werden oft von Phasen geringerer Renditen gefolgt, und umgekehrt.
  3. Portfoliogestaltung: Verstehen der Regression zum Mittelwert kann Investoren helfen, die Bedeutung von Diversifikation zu erkennen und das Risiko der Konzentration in „heißen“ Aktien oder Sektoren zu vermeiden.
  4. Alpha Strategie: Mit dem „Alpha-Signal“ nutze ich eine Methodik nach meiner eigenen Definition um Über- und Unterbewertungen von qualitativen Einzelaktien aus fundamentaler Sicht zu erkennen und durch geeignete (rationale) Handelsentscheidungen auszunutzen, wobei stets eine Sicherheitsmarge einkalkuliert wird.

Beispiele:

  • Aktienblasen: Die Technologie-Blase der späten 1990er ist ein klassisches Beispiel. Technologieaktien stiegen auf extreme (irrationale) Bewertungen, nur um dann in den frühen 2000ern wieder stark zu korrigieren, als sich die fundamentale Lage nicht in der Realität bestätigen konnte; so korrigierte sich ihre Kursperformance näherte sich dem Mittelwert an.
  • Value vs. Growth Investing: Historisch gesehen wechseln sich Phasen, in denen Value-Aktien (Aktien, die im Verhältnis zu ihrem Buchwert oder Kurs-Gewinn-Verhältnis günstig sind) Growth-Aktien (Aktien von Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial) über- oder unterperformen, ab. Dies deutet darauf hin, dass beide Investmentstile langfristig zu mittleren Renditen tendieren.
  • Volatilität: Der VIX beispielsweise (Volatilitätsindex für den S&P 500 Aktienindex), bewegt sich historisch um einen Mittelwert von 15. Während die Tiefststände bei 10 (oder knapp darunter) liegen ist ein Trend langfristig nicht zu erkennen, weshalb Ausreisser (kurzfristig mit Sprünge über einen Wert von 35/40) in der Vergangenheit mit immer wieder (relativ schnell) nach unten korrigiert wurden (s. Chart: Volatilitätsindex).
  • Aktienrenditen: Unternehmen haben oftmals temporär einen Vorteil (evtentuell als Startup oder Newcomer) und geniessen so für eine Zeit lang überdurchschnittliche Gewinne und Aktienrenditen (s. Chart: Gewinnrenditen im S&P 500). Diese korrigieren sich aber in dem Moment wo Wettbewerber aufmerksam werden und in Konkurrenz treten. Von diesem Moment sind die Rendite in Gefahr und werden verwässert durch mehr Wettbewerb (Preisdruck, alternative Produkte, etc.). So kehren die überdurchschnittlichen Renditen oftmals zum Durchschnitt zurück.

Volatilitätsindex (VIX)

Quelle: https://finviz.com/futures_charts.ashx?t=VX&p=m

Gewinnrendite (S&P 500)

Quelle: https://www.multpl.com/s-p-500-earnings-yield

Das Konzept der Regression zum Mittelwert ist eng mit antizyklischem Investieren am Aktienmarkt verbunden. Antizyklische Investoren suchen gezielt nach Aktien, die aktuell unterbewertet sind, in der Erwartung, dass sie sich im Laufe der Zeit erholen und eine Regression zum Mittelwert erfahren.

Antizyklische Strategien bei Aktien:

  • Grundprinzip: Antizyklisches Investieren beruht auf der Idee, gegen den Strom zu schwimmen – Aktien zu kaufen, wenn sie unbeliebt und unterbewertet sind, und sie zu verkaufen, wenn sie beliebt und überbewertet sind. Dies basiert auf der Annahme, dass der Markt kurzfristige Über- und Unterreaktionen zeigt, die sich langfristig ausgleichen. Investoren, die diesem Ansatz folgen, suchen nach Aktien, deren Kurse stark gefallen sind, oft weit unter ihren historischen Durchschnittswerten. Sie setzen darauf, dass sich diese Aktien im Laufe der Zeit erholen, was eine Regression zum Mittelwert darstellt. Oftmals wird in Praxis als Mittelwert hier der 200-Tage gleitende Durchschnitt verwendet.

Während das Prinzip der Regression zum Mittelwert bzw. der Mean Reversion Effekt in vielen Fällen sehr hilfreich ist, sollte es aufgrund von Ausnahmen mit Vorsicht angewandt werden:

  • Zeitrahmen: Regression zum Mittelwert tritt nicht über einen festgelegten Zeitraum auf. Es ist unklar, wann und wie schnell eine Regression stattfinden wird. So können irrationale Marktverzerrungen länger als erwartet anhalten. Teilweise kann es Jahre dauern bis ein Normalisierung eintritt.
  • Marktveränderungen: Strukturelle Marktveränderungen können dazu führen, dass „neue Mittelwerte“ entstehen. Beispielsweise können technologische Fortschritte oder geopolitische Ereignisse langfristige Auswirkungen auf bestimmte Sektoren oder den Gesamtmarkt haben.
  • Kein Ersatz für Fundamentalanalyse: Dieses Prinzip sollte als ein Werkzeug unter vielen in einem Investor’s Toolkit betrachtet werden, nicht als alleiniger Leitfaden. Um den fairen Wert einer Aktie beurteilen zu können, sollte man die Fähigkeit besitzen einen fundamentalen (intrinsischen) Wert zu berechnen.
  • Nachhaltiger Wettbewerbsvorteil: Ein Unternehmen mit einem solchen Vorteil – sei es durch immaterielle Werte (Markenstärke, Reputation, etc.), Kostenvorteilen, proprietäre Technologie, Netzwerkeffekte, Skaleneffekte, Wechselkosten oder regulatorische Barrieren – kann überdurchschnittliche Renditen erzielen und diese über einen langen Zeitraum aufrechterhalten. Diese Unternehmen können ihre führende Marktstellung behaupten und sind oft weniger anfällig für die zyklischen Schwankungen, die in ihrer Branche oder dem Markt als Ganzes auftreten. Daher können ihre Aktienkurse über längere Zeiträume hinweg eine überdurchschnittliche Performance aufrechterhalten, ohne einer Regression zum Mittelwert zu unterliegen. Insbesondere wenn der Mittelwert durch einen stetigen Trend den Gewinnen und dem Wachstum folgt.
  • Beispiele: Ein klassisches Beispiel wäre ein Technologieunternehmen wie Apple Inc. (s. Chart: Apple Inc.), das durch ständige Innovation, starke Markenloyalität und ein Ökosystem von Produkten und Dienstleistungen einen anhaltenden Wettbewerbsvorteil genießt. Ein weiteres Unternehmen, welches seit vielen Jahren durch eine kontinuierliche Verbesserung Ihrer eigenen Prozesse (Kaizen) sowie einer starken Unternehmenskultur nachhaltig Ihre Produkte und den Service verbessern (und so den Vorteil hoher Wechselkosten geniessen) ist die Danaher Corp.

Apple Inc.

Quelle: https://finviz.com/quote.ashx?t=AAPL&ty=c&ta=1&p=m

Die Regression zum Mittelwert ist ein nützliches Konzept, das antizyklischen Investoren helfen kann, Gelegenheiten am Markt zu identifizieren. Gleichzeitig soll das Prinzip uns vor irrationalem Verhalten schützen, beispielsweise in Markphasen großer Panik (Aktiencrash), wo ein emotionaler Verkauf oftmals im Nachhinein ein Fehler ist. Vielmehr haben statistisch gesehen Aktienmarktcrashes in der Vergangenheit lukrative Kaufgelegenheiten dem rationalen und geduldigen Anleger geboten. Die Regression zum Mittelwert bietet als angewandte Theorie eine nützliche Perspektive für Investoren, um Aktienmarktphänomene somit zu verstehen und realistische Erwartungen an die Performance zu setzen. Sie lehrt uns, dass Extreme selten nachhaltig sind und dass ein umsichtiger, gut diversifizierter Ansatz oft der klügste Weg ist. Indem wir dieses Prinzip in unsere Investitionsstrategien einbeziehen, können wir potenzielle Fallen überhitzter Märkte vermeiden und uns auf langfristiges, stabiles Wachstum konzentrieren. Es hat jedoch seine Grenzen, insbesondere bei Unternehmen mit dauerhaften Wettbewerbsvorteilen (Qualitätsunternehmen). Bei der Analyse solcher Unternehmen ist es wichtig, den Fokus auf die Qualität und Nachhaltigkeit des Wettbewerbsvorteils zu legen, anstatt sich allein auf historische Preistrends zu verlassen. In solchen Fällen kann die langfristige Performance des Unternehmens die allgemeine Markttendenz zur Regression zum Mittelwert überflügeln und aufgrund von sogenannten Markteintrittsbarrieren (Burggräben) zu lang anhaltenden Trends führen.

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